Horsemanship, ein jeder versteht es ein wenig anders
Globalisierung, world wide web - weltweite Vernetzung, ein jeder ist mit einem jeden verbunden, Ländergrenzen sind aufgehoben, Kommunikation und Information ohne Grenzen. Eine gesamte Weltstruktur verändert sich, nationaler Individualismus weicht immer mehr einem alles gleichmachenden Denken. Mit diesen Tendenzen stark verbunden ist auch eine Änderung im Sprachgebrauch. Man unterhält sich nicht mehr miteinander sondern man chattet. Soll eine Vereinbarung gelöscht werden, dann wird sie gecancelt.
Beim Arzt lässt man sich nicht mehr untersuchen, sondern durchchecken
und eine Veranstaltung heißt Event.
Auch in der Reiterei findet das seinen Niederschlag. Wir sprechen von Rope, wenn wir ein Seil meinen, vom Kimplewik wenn es um die Springkandarre geht und aus einem runden eingezäunten Longierplatz ist ein Roundpen geworden in dem man Pferde joint. Und nicht selten meinen wir, mit dem neuen Sprachgebrauch auch eine neue Philosophie gefunden zu haben. 
So verhält es sich auch mit dem Wort Horsemanship. Sollte in der Welt des Pferdesportes ein Begriff zum „Wort des Jahres“ gekürt werden, hättet Horsemanship sicher eine gute Chance.
Viele benutzen es für ihre Belange, zugegeben, es klingt auch gut. Nur, sich so richtig etwas darunter vorstellen vermag sich so mancher nicht. Übersetzen wir es wörtlich, heißt es Pferde-Mann-Gemeinschaft. Da könnte jetzt aber der weibliche Anteil unter den Pferdeleuten Einspruch erheben. Immerhin besteht ein nicht unbeträchtlicher Teil der Pferdemenschen heute aus Frauen. Besser wäre es, den Begriff in Pferde-Mensch-Gemeinschaft, also Horsehumanship umzunennen, hört sich aber nicht so gut. Also bleiben wir bei Horsemanship, ohne den weiblichen Pferdemenschen deswegen die Kompetenz absprechen zu wollen.
Da sagt man nun von jemandem, er habe ein gutes Horsemanship und meint damit ein gutes know how (schon wieder so ein eingedeutschtes Wort), also ein (wörtlich übersetzt) gutes „Gewusst wie“ im Umgang mit Pferden. Mitunter wird dieser Begriff dann kombiniert mit dem Namen eines Trainers, einer Bewegung oder einer Philosophie. Ausdrücken möchte man damit, dass diese oder jene Person oder Bewegung ein hohes Maß an Kompetenz mit Pferden hat und erfolgreich damit umgeht.
Spätestens hier stellt sich die Frage, woran den ein erfolgreicher Umgang mit Pferden zu messen ist und was der Schlüssel oder besser das Geheimnis dazu ist.
Erfolg ist eine Größe, die jeder für sich anders definieren mag. Für den Einen drückt er sich aus in Titel, Schleifen oder Pokalen, für den Anderen in Partnerschaft, gegenseitigen Vertrauen und Verstehen, Leichtigkeit und Harmonie – wobei sich diese beiden Positionen nicht widersprechen müssen.
Den Schlüssel dazu gibt uns Henry Ford. Der bekannte amerikanische Automobilhersteller war ein sehr weiser und ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann, auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolges antwortete er einmal: „Das Geheimnis des Erfolges ist, den Standpunkt des Anderen zu verstehen“. Ein gute und weise Aussage, der Andere ist in diesem Fall das Pferd.
Seit einigen Jahren gibt es in deutschen Ställen den Trend: Zurück zur Natur. Eine Bewegung, die sich hauptsächlich im Bereich des Westernreitens und der Freizeitreiterei findet, im konventionellen Pferdesport tut man sich hiermit noch etwas schwer. Bekannt ist diese Philosophie unter dem Begriff Natural Horsemanship. Hier geht es darum, das Pferde als Pferd zu verstehen, seine Lebensbedürfnisse kennen zu lernen, ihm in seiner Sprache zu begegnen um so einen besseren Zugang zu ihm zu finden. Man versucht also den Standpunkt des Pferdes zu verstehen, eine pferdeorientierte Beziehung aufzubauen um dadurch zu einem besseren Miteinander zu kommen. Und wie so manches heute, kommt auch diese Bewegung aus Amerika.
Ich spüre, wie sich Widerstand regt: Müssen wir alles nachmachen, was die Amis uns zeigen? Haben wir nicht eine eigene viel ältere, ausgereifte und gut strukturierte Reitkultur in Deutschland? Haben wir nicht genug eigene gute Vorbilder, alte Reitmeister und Pferdemänner an den wir in orientieren können?
Ja, natürlich, hier wären viele zu nennen, einen möchte ich zitieren, es ist Waldemar Seuning. Er schrieb das Buch: „Von der Koppel bis zur Kapriole“, das 1941 in Erstauflage erschien. Hier fordert er auf Seite 24 wörtlich:
„Ein richtiger Pferdemann muss nicht nur Kenner sein – er muss auch als Pferd denken und fühlen können, es also nicht als mit Menschenverstand ausgestattet wissen wollen. Das Wort Pferdemann oder Pferdemensch sagt, dass ein solcher Pferd und Mensch zugleich sein soll – ein Zentaur nicht nur im körperlichen, sondern auch im seelischen Sinn“.
Also, alles schon gehabt. Nur schade, dass dieses alte Wissen nach dem Krieg in vielen Fällen verloren ging. Man konzentrierte sich mehr auf das Pferd als Sportgerät und vergaß dabei, das dieses eigene individuelle Bedürfnisse hat, die über das Satt- und Sauberprinzip hinausgehen.
Manchmal ist es notwendig, dass Leute aus anderen Kontinenten kommen um uns an unsere eigene Kultur zu erinnern. Hoffen wir, dass diese Denke, dass Pferd Pferd sein zu lassen immer mehr Raum in den Köpfen von Pferdeleuten einnimmt und hoffentlich auch im Bereich der modernen Sportreiterei bald Einzug hält.
Ein gute naturorientierte Horsemanshiparbeit ist Lebenshilfe für Mensch und Pferd. Es klärt Positionen, verhilft dem Menschen zu einer guten Leitungskompetenz wodurch dieser wiederum den Respekt seines Pferdes erhält. Und Respekt ist bekanntlich die Basis für Vertrauen.
Das Pferd ist auch nach einigen tausend Jahren der Domestizierung Fluchttier geblieben - eines unserer größten Probleme im Umgang mit ihm. Nur wenn das Pferd vertraut, werden wir eine Partnerschaft mit ihm aufbauen können, die auch Extremsituationen aushält.
Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie in meinem Buch: Ranch-Reiten, eine alte Reitweise- neu entdeckt.
Peter Pfister
www.peterpfister.de
