Dopen Sie noch oder ernähren Sie schon ?
ein Beitrag von Frau Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand
So viele Dopingfälle, so viel Wirbel. Da wirft sich die Frage auf, ob man nicht mehr Interesse an der Ernährung des Sportlers Pferd zeigen sollte als an dessen Medikation. Vielleicht würden einige psychische und physische Probleme erst gar nicht auftreten, wenn das Pferd grundsätzlich richtig ernährt wäre. Fakt ist auch, dass über die Möglichkeiten der Fütterung für die Leistungsoptimierung viel zu wenig bekannt ist. Würde man vor dem Gedanken an eine Leistungs-steigerung durch Doping erst die Futterration gründlich überprüfen und das Potential einer nährstoffgerechten Fütterung ausschöpfen, gäbe es viele dieser unschönen Fälle nicht, die den Reitsport in Misskredit führen.
Hohe Anforderungen an das moderne Sportpferd
Neben ausgewogenem Exterieur, Charakterstärke und Gesundheit soll das Pferd mit spritzigem Temperament ausgestattet - voll leistungsbereit sein. Gleichzeitig werden Nervenstärke und Konzentrationsfähigkeit gefordert. Der lockere Bewegungsapparat soll großen Ausdaueranforderungen standhalten und eine möglichst schnell regenerationsfähige Muskulatur ist erwünscht. Die klassische Hafer/Gerste-Heu Ration genügt für das Sportpferd schon lange nicht mehr. Das hat die moderne Ernährungsforschung in den U.S.A. gezeigt. Hier wurde wissenschaftlich belegt, dass eine von Getreide dominierte Fütterung nicht immer das Rezept für Erfolg im großen Sport ist. Studien, die sich modernster Untersuchungsmethoden, wie Blut-, Atemluftparameter- und Knochendichtemessungen bedienten sowie Nährstoffbilanzen und Laufbandtraining nutzen, zeigten interessante Ergebnisse für die Ernährung des Sportpferdes. Erstaunlich waren die sportmedizinischen Erkenntnisse bezüglich der Gewichtung unterschiedlicher Energielieferanten auf die Leistungsfähigkeit des Pferdes.
Die energieliefernden Nährstoffe
Die klassische Pferdeernährung basiert vorwiegend auf der Fütterung von Raufutter (Heu und Stroh), sowie Getreide (traditionell Hafer). Mit der Fütterung von Raufutter, Kleien oder Rübenschnitzeln werden dem Pferd energieliefernde Nährstoffe gefüttert, deren Verdauung hauptsächlich im Dickdarm erfolgt. Diese Art der Energieumsetzung ist weitestgehend ohne Einfluss auf den Insulinhaushalt. Die Fütterung von Getreide hingegen hat andere Ansprüche an den Stoffwechsel. Getreide verfügt über hohe Stärkegehalte (Hafer 45 Prozent, Gerste 60 Prozent, Mais 70 Prozent), die nach der enzymatischen Aufspaltung im Dünndarm als Glucose (Traubenzucker) ins Blut gelangen. Von dort aus kann der nun als Blutzucker bezeichnete Zucker mit Hilfe des Gewebehormons Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird, in den Wirkort, z.B. in die Muskulatur gelangen.
Ebenso insulinabhängig werden zuckerhaltige Futtermittel wie melassierte Rübenschnitzel, Karotten oder Melasse verstoffwechselt.
Der Glykämische Index als Leistungsvariable
Die Forschungen des Kenntucky Research Institutes (KER) unter der Leitung von Dr. Pagan basierten auf der Annahme, dass eine stärkereduzierte Fütterung Vorteile für das Leistungspferd bringt. Hinzugezogen wurde der Glykämische Index. Der Glykämische Index gibt in Zahlen die blutzuckersteigernde Wirkung eines kohlenhydrathaltigen Futtermittels an. Die blutzuckersteigernde Wirkung von Hafer dient als Referenzwert (100). Steigt der Blutzuckerspiegel nach der Aufnahme eines Futtermittels nur gering an, ist es als niederglykämisch zu beurteilen. Futter mit einem hohen Stärke- bzw. Zuckeranteil gelten als hochglykämisch. Futter mit einem hohen Fett, bzw. Faseranteil gelten als niederglykämisch.
Forschung am Pferd
Tatsächlich konnte mit der Fütterung niederglykämischer (stärkearmer) Futtermittel eine höhere Leistung erzielt werden als mit einer vorwiegend stärkereichen Fütterung. Die Fütterungsversuche mit anschließendem Training auf dem Laufband mit Atemmaske bestätigten diese Annahme. Der teilweise Ersatz von Stärke durch faserreiche Futtermittel mit leicht fermentierbaren Kohlenhydraten (Kleien und Rübenfasern) und durch Fette (zum Beispiel Sonnenblumenöl) führte zu einer Verringerung der Wärmebildung und Kohlendioxidproduktion. Für das Pferd bedeutet dies größere Atemreserven und eine Schonung der Energiereserven. Die Kohlendioxidausatmung gilt auch als Indikator für die Übersäuerung des Körpers.
Weitere Untersuchungen zeigten, dass sich eine niederglykämische Fütterung positiv auf Ausdauer und Spurtreserven auswirkt, da es zu einem geringeren Anstieg von Milchsäure (Laktat) im beanspruchten Muskel kommt. Wird Stärke in Abwesenheit von Sauerstoff, also unter anaeroben Stoffwechselbedingungen, zu Milchsäure abgebaut, kann diese in Muskelzellen Krämpfe und Verspannungen verursachen. Ebenso wurde festgestellt, dass die Glykogenreserven im Muskel (tierische Stärkereserven) geschont werden.
Eine der interessantesten Tatsachen war die Verringerung des Anstiegs des Stresshormons Cortisol im Blut des Leistungspferdes durch die niederglykämische Fütterung. Weniger Stress bedeutet für das Pferd mehr Gelassenheit und eine Schonung des Herzens. Für Turnierpferde ist die Herzüberlastung langfristig ein K.O. Kriterium.
Weniger Stärke für eine gute Verdauung
Auch das Verdauungssystem des Pferdes profitiert von einer stärkereduzierten Fütterung. Gerade das Sportpferd mit seinem hohen Energiebedarf läuft Gefahr, die hohen Stärkemengen herkömmlicher Futtermittel oder aus Getreide, nicht vollständig verdauen zu können. Selbst bei optimalem Aufschluss eines Futtermittels hat das Pferd nur begrenzte Möglichkeiten sehr hohe Stärkeanflutungen zu verdauen. Der enzymatische Aufschluss im Dünndarm ist überlastet, so dass unverdaute Stärkeanteile in den Dickdarmbereich gelangen. Es kommt zu Dickdarmübersäuerungen und Fehlgärungen, die sich auf das Wohlbefinden und die Psyche des Pferdes äußerst negativ auswirken können und im schlimmsten Fall zu Koliken führen.
Das Multitalent Faser
Der Ersatz von Stärke durch leichtfermentierbare Fasern kommt zudem dem Faserfresser Pferd entgegen. Nicht nur, dass das Pferd durchaus in der Lage ist, mithilfe der Dickdarmflora aus Fasern kurzkettige Fettsäuren zur Einschleusung in den Energiestoffwechsel zu bilden und damit Energie zu gewinnen. Wird die Faser in Form einer Häckselbeimischung mit dem Kraftfutter gegeben, wirkt sich das auch positiv auf die Fressgeschwindigkeit und damit die Magenfüllung aus. Das Futter wird sorgfältiger gekaut und eingespeichelt und sorgt damit für eine optimale Verdauung. Die Faser kann aber noch mehr: Durch die enorme Wasserbindungskapazität (ein Kilogramm Heu bindet circa zweieinhalb Kilogramm Wasser) bildet die Faser-Wasser-Füllung des Dickdarms ein Wasser- und Elektrolytreservoir, auf das das sportlich eingesetzte Pferd in Belastungssituationen zurückgreifen kann und so Austrocknung und Elektrolytverlusten entgegen wirkt. Die mechanische Funktion der Faser ist nicht außer Acht zu lassen: so stabilisiert faserreiches Futter die Darmwindungen und hemmt so die Gefahr der Entstehung von Koliken.
Öl ist nicht gleich Öl
Eine weitere Möglichkeit, Energie zu liefern besteht in der Fütterung von Öl oder Ölfrüchten. Ob Lein- oder Maiskeimöl, Sonnenblumenkerne oder Borretschöl: das Pferd verfügt über eine gewisse Verdauungskapazität um Öle, bzw. chemisch gesehen Fette, enzymatisch im Dünndarm zu verdauen. Die energetische Wertigkeit eines Kilo Hafers wird durch 360 Milliliter Pflanzenöl ersetzt. So kann mit einer maßvollen Ölfütterung der Eiweiß- und Stärkegehalt der Gesamtfutterration gesenkt werden, was vor allem die Verdauung entlastet. Gleichzeitig liefern Öle oder auch Getreidekeime Energie für die aerobe, also ausdauernde Muskelarbeit. Die Aufnahme der Fettsäuren erhöht den Blutzucker nicht und erfolgt daher unabhängig vom Insulin. Allerdings sollte eine Beifütterung von Öl langsam und 100 Milliliterweise erfolgen. Eine Gesamtölmenge über 500 Milliliter am Tag sollte erfahrungsgemäß langfristig nicht überschritten werden.
Der Ersatz von Stärke durch Öle bringt weit mehr als nur hochkalorische Energie. Fette, die zum Beispiel die auch aus der Humanernährung bekannten Omega-3-Fettsäuren enthalten, hemmen die Blutgerinnung und erhöhen die Verformbarkeit der roten Blutkörperchen. Dies zeigt sich in einer Verbesserung der Blutfließeigenschaften bzw. Durchblutung der kleinsten Gefäße in den Geweben. Sie sind außerdem ein unentbehrlicher Bestandteil bei der Bildung von neuen Zellen und spielen eine wichtige Rolle im Ablauf von Entzündungen und allergischen Reaktionen durch die Bildung von hormonähnlichen Molekülen mit entzündungshemmender Wirkung, den sogenannten Prostaglandinen. Besonders reich an diesen Omega-3-Fettsäuren ist zum Beispiel Leinöl. Um einen Einfluss auf das empfindliche Gleichgewicht der Dickdarmflora auszuschließen, sollte der maximale Fettanteil der Gesamtkrippenfutterration zehn Prozent aber nicht überschreiten.
Öle brauchen Begleitung
Es genügt leider nicht, die normale Getreide-Heu-Ration durch die Fütterung von Ölen aufzuwerten, ohne den nun erhöhten Fettstoffwechsel mit höheren Gaben von Vitamin E, Vitamin C, ß-Carotin und Cholin, einem Wirkstoff mit vitaminähnlichem Charakter, zu unterstützen. Auch beim Kauf von Sportpferdeergänzungsfutter ist dies ausdrücklich zu berücksichtigen.
Mehr Eiweiß aber in Maßen
Pferde im Leistungssport benötigen mehr Eiweiß in der Ernährung als Pferde im Erhaltungsbedarf. Der Grund für einen steigenden Eiweißbedarf arbeitender Pferde ist vielschichtig: natürlich nimmt das Muskelwachstum mit Aufnahme des Trainings zu und erfordert damit eine erhöhte Aminosäurezufuhr. Daneben wird bei höherem Energiebedarf mehr Futter aufgenommen, wodurch der Umsatz des Eiweiß in der Darmwand und damit die Verluste steigen. Um vermehrungsfähig zu bleiben, benötigen außerdem die Dickdarmbakterien ein bestimmtes Energie-/Eiweißverhältnis. Nicht zuletzt werden bei schwerer Arbeit im Energiestoffwechsel Aminosäuren umgesetzt und gehen zudem über den Schweiß in Form von Harnstoff verloren. Um einem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden, steht aber nun nicht der Eiweißgehalt eines Futtermittels im Vordergrund. Vielmehr kommt es auf ein hochwertiges Aminosäuremuster an. Das bedeutet, dass vor allem jede einzelne Aminosäure ihrem Bedarf entsprechend im Futtermittel enthalten sein sollte, um eine Überversorgung und damit unnötige Belastung zu vermeiden.
Langfristige Überversorgungen mit Eiweiß belasten vor allem die Nieren. Wird die Leber dauerhaft mit Eiweiß überlastet, arbeitet sie permanent im Grenzbereich ihrer Leistungsfähigkeit. Kommt es dann zu einer weiteren Inanspruchnahme des Stoffwechsels z.B. durch gesteigerte Arbeit mit erhöhter Milchsäurebildung, ist eine effektive Entgiftung des Organismus oder eine zusätzliche Energiebereitstellung nicht mehr möglich. Eine Eiweißüberversorgung schränkt damit die Leistungsfähigkeit des Pferdes ein und führt nicht selten zu schweren psychischen Ausfallerscheinungen.
Elektrolytverluste
Zu den Elektrolyten zählen hauptsächlich Natrium, Chlor und Kalium. Der Wasserbedarf kann bei einem Höchstleistungspferd auf bis zu 15 Liter in einer Vielseitigkeitsprüfung ansteigen. Der Verlust von vor allem Natriumchlorid über den Schweiß kann daher beim Sportpferd stark ansteigen (auf bis zu 200 Gramm) und erfordert eine Ergänzung neben dem Salzleckstein. Der Kaliumverlust stellt höchstens im Renn- oder Vielseitigkeitssport ein Problem dar, wenn zu wenig Heu gefüttert wird oder ein melassehaltiges Futter fehlt. Das Sportpferd benötigt für Höchstleistungen aber noch weitere wichtige Mineralstoffe und Spurenelemente.
Mikronährstoffe für den Sport
Bei sportlicher Belastung ist die antioxidative Wirkung vieler Nährstoffe von Interesse. Dazu zählen u.a. Vitamin E, Vitamin C, das die Regeneration von Vitamin E fördert, aber auch weitere Nährstoffe wie Oligomere Polyphenole aus Traubenschalen und Sekundäre Pflanzenstoffe aus Kräutern, die die Zellmembranen (Nerven, Muskel, Herz) vor dem Angriff von freien Radikalen, wie sie gerade im Hochleistungssport entstehen, schützen. Es lohnt sich also, hier nicht nur den Vitamin-E-Gehalt eines Futtermittels unter die Lupe zu nehmen. Daher ist eine Kombination mehrerer Nährstoffe beim Sportpferd sinnvoll. Der beim Leistungspferd hoch beanspruchte Muskelstoffwechsel profitiert von den oben genannten Antioxidantien wie Vitamin E, ß-Carotin, Vitamin C und Selen. Magnesium und Mangan unterstützen den Laktatabbau (Milchsäureabbau) und sind damit wesentliche Faktoren für eine lockere Muskulatur. Auch hier kann der Bedarf ganz deutlich ansteigen. Insbesondere bei Mangan, dessen Bedarf hauptsächlich durch Heu gedeckt wird, kann es zu starken Schwankungen in der Zufuhr kommen, da Heu recht unterschiedliche Manganwerte aufweist und in großen Mengen gefüttert wird (etwa 8 Kilogramm pro Tag). Im Bereich der Spurenelemente Zink, Kupfer, Selen, Mangan, Chrom oder Cobalt kommt es nicht nur bei Sportpferden zu Mangelerscheinungen, die sich in Stoffwechselproblemen, Muskelerkrankungen und Psychosen zeigen. Die Spurenelemente sind oft als Cofaktoren für die Enzymwirkung tätig. Sie ermöglichen in vieler Hinsicht erst den Wirkungsgrad von B-Vitaminen, die als „Nervenvitamine“ gelten.
Gesamtfuttermenge mäßig halten
Die beim Sportpferd eingesetzte Gesamtfuttermenge ist klassischerweise abhängig von der zu erbringenden Leistung, der Futterverwertung des Pferdes und der Verdaulichkeit der Ration. Allerdings variiert der Bedarf an Kraftfutter beim Hochleistungspferd von Zusammensetzung zu Zusammensetzung. Die Empfehlungen des KER deuten auf Kraftfuttermengen von im allerhöchsten Fall 6 Kilogramm pro Tag hin, die sogar eher unterschritten werden. Vorausgesetzt wird eine Raufutterversorgung von 1,2 Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Körpergewicht und Tag. Viele herkömmliche Futterempfehlungen überschreiten diese Krippenfuttermenge. Die Belastung für den Verdauungsapparat des Pferdes ist dabei aber nicht unerheblich und auf Dauer zu überdenken. Der mengenmäßige Bedarf an Kraftfutter sinkt mit der Nährstoffvielfalt und dem Aufschlussverfahren des Futters. Erfahrungsgemäß kann ein hoch aufgeschlossenes, dabei aber in seiner Zusammensetzung vielfältiges Futter den Krippenfutterbedarf senken. Allerdings ist dann eine verbesserte Mineralisierung nötig, um mit weniger Kraftfutter den Bedarf zu decken.
Fazit
Die Ernährung eines Sportpferdes sollte ausgewogen, vielfältig und nährstoffbalanziert sein. Es sollte ausreichend qualitativ hochwertiges, aber nicht zu mineralienarmes Raufutter zur Verfügung stehen, sowie ein Salzleckstein vorhanden sein. Es macht durchaus Sinn, eine Ration zu berechnen und bei der Berechnung über Energie, Eiweiß, Calcium und Phosphor hinauszugehen und auch die Ration auf das Vorhandensein genügender Spurenelemente zu untersuchen (dazu gibt es mittlerweile hochinteressante Rationsberechnungsprogramme auf dem Markt, die da auch tatsächlich ins Detail gehen), bevor man psychische oder physische Probleme beim Turnierpferd mit eventuell nicht erlaubten Medikamenten behandeln muss.
Fotos von Frau Dr. Weyrauch
Christiane Slawik www.slawik.com
