In der Marburger Blindenstudienanstalt ist das Pferd bester Partner der Kinder!
Warum kommen sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik und den deutschsprachigen Nachbarländern nach Marburg, um zur Schule zu gehen? Ganz einfach: Weil sie dort die Chance wahrnehmen können, nicht nur einen qualifizierten Schulabschluß zu erreichen, sondern auch weil es zum Unterricht gehört, viele alltägliche Dinge einzuüben, die für Sehende selbstverständlich sind. Ein wesentlicher Bestandteil des Lehrangebots der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) ab Jahrgangsstufe 7 ist Reitunterricht für Blinde.
Leitziele:
1.Vorhandene Bewegungsdefizite zu mindern
2. Vielfältige Bewegungserfahrungen zu vermitteln
3. Zum Sporttreiben zu motivieren, d.h. motorische Fertigkeiten zu vermitteln, die zum gemeinsamen Sport mit Sehenden befähigen = Chance zur sozialen Integration
Anfang der achtziger Jahre war im Marburger Reitverein Ellen Freudenstein für die Ausbildung der Kinder in der Voltige zuständig; sie mußte gleichzeitig für sehgeschädigte Schüler der Blista sorgen. „Ich erhielt den Auftrag, für deren Voltigierkinder eine weiterführende didaktisch einwandfreie ungefährliche Reitmethode zu entwickeln," berichtet die Pädagogin heute. Sie hatte bei einer Fortbildung in Gut Eichenberg von einem Vielseitigkeitsausbilder namens Rolf Becher gehört und dessen Buch „Schulung für Gebrauchsreiten und Turniersport" aufmerksam gelesen. Besonders angetan war die Reitlehrerin von der Anfängerausbildung im leichten Sitz -nach eigenen Aussagen „für mich absolutes Neuland". Sie probierte die von Becher beschriebene Methode mit den äußerst schwierigen Schulpferden des Vereins aus. Nach langem Zureden fand sie schließlich einige Anfänger, die die gefährliche Rolle der Versuchsreiter auf sich nahmen. Ellen Freudenstein: „Wie ein Wunder muß es für die Pferde gewesen sein, daß sich diese Anfänger nicht mehr auf ihren Rücken fallen ließen und dass sie oft geführt wurden. Bereits nach kurzer Zeit waren die Pferde überzeugt, daß sie nicht mehr zu buckeln brauchten und ihnen die Reiter auf dem Rücken richtig nett schienen.
Die engagierte Pädagogin kürzlich in einem Vortrag: „Der Reitkurs zur Probe war auf ganzer Linie gelungen. Sogar auf dem offenen Reitplatz waren die Pferde in allen Gangarten zu reiten. Auch die sehbehinderten Schüler wurden in dieser Methode in der Schulpraxis schnell und pferdeschonend zu Reitern."
Die im Internat wohnenden Schüler haben ab Jahrgangsstufe 7 Reitunterricht als Pflichtfach. Nach einem halben Jahr geht es zu einer Klassenfahrt auf einen Reiterhof, im der zweiten Hälfte wird leichter Sitz und leichtes Traben trainiert. Wieser: „Zum Galopp kommt es meistens nicht."
Leitziele sind der Aufbau einer emotionalen Beziehung zum Lebewesen Pferd und die motorische Förderung durch das Pferd als unverzichtbares „Sportgerät". Die Ver-ständigung zwischen Reiter und Pferd läuft über die taktile Schiene. Das Tier eignet sich hervorragend zur Lauf- und Rhythmusschulung der Blinden. Es bietet vielfältige Bewegungserfahrungen beim Reiten: Vom Gleichgewicht über Partnerübungen, Geschwindigkeitserlebnisse bis zu Spannung/Entspannung bei unterschiedlichen körperlichen Belastungen.
„Wir möchten Fertigkeiten vermitteln, die die Blinden zum gemeinsamen Sport mit den Sehenden befähigen und somit eine Chance zur sozialen Integration bieten."
