Der Mythos vom Ritter und seinem Pferd
Teil 1
„Kaum waren die Barrieren geöffnet, so ritt er in die Schranken. Soweit man seine Gestalt nach der Rüstung beurteilen konnte, schien er nicht viel über Mittelgröße, eher schlank als stark. Seine Rüstung war von Stahl mit reichen Goldeinlagen, sein Wappenschild zeigte einen jungen, mit der Wurzel ausgerissenen Eichbaum, als Inschrift stand das spanische Wort Desdichado darauf, das zu deutsch der Enterbte heißt. [...]
Er ritt einen stattlichen Rappen und grüßte im Hereintänzeln höflich den Prinzen und die Damen, indem er die Lanze senkte. Die Gewandtheit, mit der er sein Pferd lenkte, und eine unverkennbare Anmut und jugendfrische Forschheit in seinem Gebaren eroberten ihm im Sturme die Herzen der Menge, und aus dem Zuschauerraum der niederen Klassen schallten ihm Rufe entgegen.“
(Sir Walter Scott, Ivanhoe – Der schwarze Ritter)
Kein Zeitalter der europäischen Geschichte ist wohl so verklärt und negativ dargestellt worden wie das Mittelalter. Es ist das „dunkle“, „brutale“ und „primitive“ Zeitalter, in dem Hexen verbrannt und Kreuzzüge geführt werden, eine Zeit der Pest und des Hungers, aber auch der Turniere und Ritter, die nur eine Scheibe als Welt kannten und für Jungfrauen in die Schlacht zogen.
Weit gefehlt! Vieles von dem, was wir heute als Mittelalter verstehen, ist eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts. Romantisierende Romane wie der oben zitierte von Walter Scott sind mit „Schuld“ an der Etablierung dieses Geschichtsbildes. Es ist besonders die Länge des Mittelalters, die eine Einordnung erschweren. Wer hat heute schon einen Begriff von der Dauer von fast eintausend Jahren?
Es gibt allerdings zahlreiche Quellen, wie reich illustrierte und farbenfrohe Bücher, Urkunden, Statuen, archäologische Funde, Textilien, Werkzeuge und Waffen, die ein anderes Bild zeichnen - es handelte sich nämlich um eine durchaus bewegte Zeit.
Innerhalb der tausend Jahre veränderten sich Weltsichten, trafen sich Kulturen, entwickelten sich Techniken und die Technik sowie die Landwirtschaft. Und genau inmitten dieser zahlreichen Bewegungen beginnt die Entdeckung des Pferdes. Wie? Entdeckung des Pferdes? Das gabs doch schon vorher, oder?
Natürlich kannten die Menschen Pferde und das schon seit mehr als 5000 Jahren. Sie dienten durch die Zeiten hindurch für Last-und Zieharbeiten sowie auch vereinzelt im Militär. Doch das Pferd des Mittelalters ist anders, als uns heute manche Filme oder Dokumentationen vermitteln.
Das mittelalterliche Pferd ähnelte noch stark seinem Ahnen, dem Wildpferd aus den Steppen Vorder- und Mittelasiens. Es war kräftig und hatte ein durchschnittliches Stockmaß von 120 bis 140 cm. In Ausnahmefällen belegen Knochenfunde in England auch ein Stockmaß von 160 cm. Es ist wohl eher mit heutzutage bekannten Ponys zu vergleichen.
Pferde wurden in verschiedene Kategorien eingeteilt: Gradarii sind nach ihrer Gangart dem Paßgang benannt. Dieser war der geläufigste im Mittelalter, verlangte er doch keine große Reitkunst. Das Pferd bewegt hierbei gleichzeitig das linke Vorder- und Hinterbein. Kamele laufen übrigens genauso!
Weiterhin sind Pferde beschrieben, die eher grobschlächtig, aber schnell sind. Sie laufen im Trab und ermöglichen es zum Beispiel dem einfachen Ritter oder Landjunker schnell zu reisen. Dafür muß der Reiter jedoch geübt sein.
(Abbildung eines Pferdes aus einem Bestiarium: Brunetto Latini, Li livres dou Tresor, Frankreich 1310-1320. Abbildung aus Woronowa, Tamara und Andrej Sterligov, Westeuropäische Buchmalerei des 8. bis 16. Jahrhunderts, Augsburg 2000)
Die sumarii dagegen sind reine Last- und Packpferde. Sie sind stämmig aber durchaus beweglich. Dagegen sind die mares allein für Zug- und Spanndienste, zumeist Stuten, oftmals auch von ihrem Fohlen begleitet. Gerade die letzten beiden Gruppen sind Neuerungen. Erst im Laufe des Mittelalters lösen nämlich Pferde die Ochsen als Zugtiere ab. Pferde gab es nicht sehr häufig, da sie sehr hohe Futter- und Pflegeansprüche hatten. Mit der Einführung des Kummets jedoch begann sich ihr Einsatz zu lohnen. Ochsen blieben aber auch weiterhin in der Mehrzahl. Auch die Einführung des festen Hufeisens sorgte dafür, dass die Hufe durch längere Standzeiten und die steinigen Straßen nicht zu sehr geschädigt wurden. Damit waren die Tiere nun für den Arbeitsdienst geeignet.
Eine letzte Gruppe von Pferden bildeten die dextrarii. Dies sind die eigentlichen Streitrosse der Ritterschaft. Es sind Hengste die groß und stark gewachsen sind. Aber Vorsicht, groß meint hier, wie oben erwähnt, maximal 160cm!
Aber auch die Körpergröße der Ritter unterliegt meist dem Irrtum der späteren Geschichtsschreiber. Waren Pferde kleiner als überlicherweise dargestellt, kann von einem kleinen Menschen im Mittelalter keine Rede sein. Die Ernährungssituation war teilweise so gut, dass der durchscnittliche Mann bis zu 173 cm groß war. Der irrige Schluss, dass die kleinen Türen in den Toren der Burgen nur von kleinen Menschen genutzt werden konnte, ist falsch. Vielmehr zwangen die niedrigen Türen und hohen Schwellen einen möglichen Eindringling sich ducken zu müssen, so dass er nicht aufrecht mit dem Schwert auf einen zustürmen konnte.
Das Wort Ritter stammt aus dem mittelhochdeutschen riddare für Reiter. Sie waren zu Beginn des Mittelalters nur leicht mit Kettenhemden (etwa 15 Kilogramm schwer) und Helmen geschützt. Sie hatten nämlich noch keinen festen Sitz im Sattel, da feste metallene Steigbügel erst seit dem späten 7. Jahrhundert in Mittel- und Südeuropa zumindest vereinzelt bekannt waren. Das erste Mal kann man in einem byzanthinischen Buch, dem Strategikon Maurikios, von ihnen lesen. Eigentlich stammen die Steigbügel, in Form von Lederschlaufen, von den alten Reitervölkern Vorder- und Mittelasiens wie den Skythen und später Hunnen und Mongolen. Die metallenen Steigbügel sind ebenfalls Innovationen dieser eurasischen Reiternomaden. Erst durch die Auseinandersetzungen Karls des Großen mit den Awaren am Ende des 8. Jahrhunderts werden sie wirklich genutzt. Sie sind die Voraussetzung für die späteren Kampf- und Turnierformen des Kampfes mit eingelegter Lanze, da man für diesen einen wirklich festen Sitz benötigt. Mehr zu Turnieren jedoch in der nächsten Folge.
Ausschnit aus der Tapisserie von Bayeux. Auf einer Länge von 68Metern und 50 Zentimetern Höhe wird die Eroberung Englands durch die Normannenn und die Schlacht von Hastings 1066 dargestellt. Es ist eine der ältesten Darstellungen dieser Art. Auffallend ist, dass die Normannen beritten sind, während die Angelsachsen so gut wie keine Reiter haben und zu Erde kämpfen. Deutlich sichtbar ist der Galopp der anreitenden Normannen,. Die Ritter stehen frörmlich in den Steigbügeln, haben die Lanze eingelegt und sind nur mit einem Kettenhemd geschützt.
von Stefan Theilig
