„Wer nicht leitet, leidet“

von Petra Herrmann

„Konnichi ua!“ Alle Kinder schauen irritiert. „Konnichi ua!“ wiederholt Kursleiterin Steffi Schade etwas lauter. „Sind wir hier vielleicht beim falschen Kurs?“ flüstert Pauline ihrer Freundin Maren zu. „Konnichi ua!“ brüllt Steffi Schade los. Ratlosigkeit, wohin man schaut; die Kinder haben keine Ahnung, was das Ganze soll.

Steffi Schade„So, nun könnt ihr vielleicht ein bisschen besser verstehen, wie es euren Pferden geht, wenn ihr mit ihnen redet“, löst Steffi Schade die Ratlosigkeit auf. „Ich habe euch auf Japanisch „Guten Tag“ gewünscht. Aber, da ihr kein Japanisch versteht, hattet ihr keine Ahnung, was ich von euch wollte. Das wurde auch nicht besser, dadurch das ich lauter wurde, oder?“ Nachdenkliche Gesichter: „Du meinst, wenn ich zu meinem Pony „Steh“ sage, weiß es gar nicht was ich will?“ erkundigt sich Sofie „Und wenn ich ihn anbrülle, wird es dadurch auch nicht besser.“

„Genau! Und deshalb seid ihr hier“, greift Kursleiterin Steffi Schade den Gedanken auf. „Wir machen hier „Horsemanship for kids“. Und das heißt nichts anderes, als dass wir die Sprache der Pferde erlernen, damit die Pferde uns verstehen können.“

 

Rechte: Petra HerrmannSieben Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren haben sich in Eschenburg auf der Anlage des Familie Pfister eingefunden, um unter der Anleitung von Steffi Schade zu echten „Horsemen“, zu echten „Horsekids“ zu werden. Steffi Schade ist die Tochter von Pferdeausbilder Peter Pfister. Die Sechsundzwanzigjährige ist von Kindesbeinen an Umgang mit Pferden gewohnt. Sie hat den Pferdevirus ihrer Eltern geerbt. Schon bevor sie laufen konnte, ist sie im Tragetuch mit auf dem Pferde gewesen. Mittlerweile hat Steffi Schade selbst zwei kleine Töchter, die den Pferdevirus augenscheinlich auch vererbt bekommen haben. Die zweijährige Anna ist regelmäßig mit im Sattel von Mama, Oma oder Opa unterwegs. Familie Pfister weiß um die Bedeutung von Pferden für Kinder. Deshalb ist es Steffi Schade so wichtig, dass Kinder die Möglichkeit erhalten, Kontakt zu Pferden zu bekommen. „Pferde können das Leben von Kindern unglaublich bereichern“, weiß sie. „Pferde schenken ihre Zuneigung unabhängig davon, wie gut die Schulnoten sind, wie dick oder dünn jemand ist. Ihnen ist es egal, ob der Mensch Pickel hat oder nicht.“ Steffi Schade kritisiert jedoch, dass in vielen Reitschulen das Thema „Horsemanship“ nicht auf dem Stundenplan steht. „Der Unterricht beginnt im Sattel und endet mit dem Absteigen“, bedauert sie. Das kann für die Kinder „gefährliche Konsequenzen“ haben.

 

Rechte: Petra Herrmann
So zum Beispiel Sofie: Sie liebt Pony Moritz über alles. Wenn sie ihn für die Reitstunde zugeteilt bekommt, strahlt Sofie über das ganze Gesicht. „Auf Moritz traue ich mich schon zu galoppieren“, freut sich die Zehnjährige. Beim Reiten haben die zwei keine Schwierigkeiten, da sind sie ein Dreamteam. Aber vor und nach der Reitstunde sieht es ganz anders aus: Da reißt Moritz den Kopf hoch, wenn das Mädchen mit der Trense kommt. Auf dem Weg in die Reithalle macht der Wallach stets einen Umweg durch die Futterkammer. Dann hängt Sofie an ihm wie ein Fähnlein im Wind und hat keine Chance das Pony zu hindern, und nach der Reitstunde ist es Moritz, der das Tempo, in dem es zur Weide geht, bestimmt. Schon des öfteren musste Sofie das Pony loslassen, nachdem es sie mehrere Meter über den Boden gezogen hat. Sofie stehen dann die Tränen in den Augen. „Solche Situationen sind nicht nur ärgerlich und machen einen traurig. Sie sind auch sehr gefährlich“, betont Steffi Schade. „Und deshalb schauen wir jetzt, was man ändern kann.“

 

Der erste Weg führt in den großen Offenstall. Dort stehen die Pferde der Familie Pfister in einer Herde. „Beobachtet die Pferde mal ganz genau“, lautet die Anweisung der Kursleiterin. „Schaut mal genau hin, was passiert, wenn ich nun ein paar Haufen Futter verteile.“ Die Kinder erkennen schnell: „Der Schwarze jagt alle anderen weg.“ „Der Schwarze ist Chef.“ „Der Rappe ist das Leittier.“ Die Kinder beobachten noch eine ganze Weile und erkennen: Klötzchen – der Schwarze – ist Chef, aber Schimmel Michel darf den Haflinger Niki schicken, der wiederum vertreibt Paul. Paul vertreibt Redwood und Red Wood verscheucht Niki. Steffi Schade fordert die Kinder auf, zu schauen, wie genau ein Pferd ein anderes vertreibt. „Klötzchen legt die Ohren an und guckt das andere Pferd böse an. Das macht dann sofort Platz“, fasst die siebenjährige Emely die Beobachtungen zusammen. „Und was hört ihr?“ Die Kinder lauschen angespannt. „Nichts!“ ist Robin erstaunt. Steffi Schade grinst: „So ist es. Menschen sprechen mit Worten miteinander. Pferde verständigen sich ohne Worte. Sie haben eine andere Sprache. Unsere Worte verstehen sie genauso wenig wie ihr Japanisch. Deshalb wollen wir jetzt die Sprache der Pferde lernen.“

 

Rechte: Petra Herrmann

Jedes Kind bekommt ein eigenes Pferd zugeteilt. Doch erst einmal macht Steffi Schade die Kinder mit den Arbeitsmaterialien vertraut. Sie erklärt wie ein Knotenhalfter funktioniert und wie es am Pferdekopf sitzen muss. Dann dürfen die Kinder die Handhabung des langen Arbeitsseils üben. Es sieht so einfach aus, wenn die Kursleiterin das Seilende wie einen Propeller kreisen lässt,  aber die ersten eigenen Versuche sehen eher kläglich aus. „Es ist wichtig, dass ihr den Propeller beherrscht. Damit könnt ihr zum Beispiel eure Pferde daran hindern, an euch vorbei zu rennen. Denn ihr seid ja das Leittier. Und Leittier kann nur einer sein. Wenn nicht ihr, dann wird das Pferd Leittier sein“, ermuntert Steffi Schade die Kinder zum Üben. „Tja, und dann passiert es so, wie es mir mit Moritz immer passiert. Wir werden über den Haufen gerannt“, bringt Sofie ihre Erfahrung ein. Der Merksatz ist geboren: „Wer nicht leitet, der leidet!“

 

Endlich steht jedes Kind neben seinem Pferd. Sie legen ihnen die Knotenhalfter um und putzen voller Hingabe. Dabei unterhalten sie sich darüber, wie sie sich einen guten Chef wünschen: Er darf nicht schreien und brüllen. Man möchte keine Angst vor ihm haben müssen. Auf einen „Luschi hört aber auch niemand. Einem Chef muss man vertrauen können. „Okay, dann zeigt euren Pferden jetzt mal, dass ihr ein guter Chef seid“, fordert Steffi Schade die Kinder auf. Und los geht es in Richtung Reithalle.

 

Auf dem Weg dorthin schiebt sich Shira immer näher an Susann heran. Sie setzt gerade zum Überholen an, doch dann: Susann macht sich groß, reißt die Ellebogen seitlich, rammt die Füße in den Boden und stößt einen Zischlaut aus. „Gut gemacht Susann!“ lobt Steffi Schade. „Sobald Shira aber das gemacht hat, was du von ihr wolltest, sofort wieder entspannen. So spürt sie, dass sie sich richtig verhalten hat.“ Robin muss Red Wood ein paar Mal mit Hilfe des Propellers daran erinnern, wo sein Platz ist – nämlich hinter ihm. Schließlich laufen alle Pferde brav im gebührenden Abstand hinter den Kindern. „Das habe ich in meiner Reitschule aber anders gelernt“, gibt Gesa zu bedenken. „Wir sollten  auf Höhe der rechten Schulter führen.“ Die Kursleiterin greift den Hinweis auf und erklärt: „Das Leittier läuft immer vorne und gibt die Richtung an. Auf der Höhe der Schulter geht das rangniedrigere Tier. Wenn ihr also auf Höhe der Schulter lauft, sagt ihr dem Pferd damit: Sag mir wo es lang geht. Ich folge dir. Du bist der Chef.“ Sofie nimmt sich fest vor, dass Pony Moritz bei der nächsten Reitstunde hinter ihr laufen muss.

Infokasten

Das letzte Thema des ersten Kurstages lautet: Druckpunktanwendungen. Auch darüber freut sich Sofie besonders, denn mit Hilfe der Druckpunktanwendungen kann sie Moritz dazu bewegen, den Kopf zu senken. „Bisher habe ich immer nur gesagt, nimm den Kopf runter“, gesteht das Mädchen. „Das war bestimmt ziemlich erfolglos“, vermutet Steffe Schade. „Das hat Moritz so wenig verstanden wie ihr mein Japanisch.“ In Partnerübungen entwickeln die Kinder ein Gefühl für das richtige Timing. „Sobald der Partner eurem Druck nachgibt, müsst ihr sofort locker lassen. Nur dann kann das Pferd verstehen, dass es etwas richtig gemacht hat. Wenn es den Kopf senkt und ihr drückt weiter, dann erfährt es ja nicht, dass Kopfsenken genau das war, was ihr von ihm wolltet. Ihr dürft aber auch nicht zu früh loslassen, sondern erst, wenn das Pferd dem Druck nachgebt. Das ist schon eine ganz schön kniffelige Angelegenheit“, gibt  Steffi Schade zu. Mit Hilfe der Druckpunktanwendungen lernen die Kinder, den Pferden den Kopf zu senken, sie seitwärts und rückwärts treten zu lassen. Die Pferde arbeiten motiviert mit. Vor allem Shira genießt die Kopfsenkübung. Die Stute lässt nicht nur den Kopf, sondern auch die Unterlippe hängen. Entspannt steht sie so da und genießt die Streicheleinheiten von Susann.

 

Rechte: Petra HerrmannAm nächsten Tag kommt Farbe in die Reithalle. Überall liegen Plastikplanen, Regenschirme, Pylonen, blaue Tonnen, Flattervorhänge – alles was ein Pferd dazu bewegen kann, die Flucht anzutreten. Das kennen auch die Kinder aus eigener Erfahrung: Maren musste einige Kilometer zu Fuß nach Hause laufen, da ihr Pferd vor einem Spaziergänger mit Schirm scheute und das Mädchen aus dem Sattel rutschte. Gesa hatte tagelang einen blauen Zeh, weil ihr Pony sich vor einer Plastiktüte erschreckt hat und zur Seite gesprungen war; leider auf Gesas Zeh. Und Robin hat keine Chance, mit Hella den Reitplatz zu betreten, wenn in der Nähe des Eingangs eine Plastikplane liegt. Dann rammt Hella ihre Hufe in den Boden und rührt sich nicht mehr vom Fleck. Deshalb schauen auch die Kinder ein wenig skeptisch. Aber kein Problem: Die Pferde der Familie Pfister kennen Planen, Flattervorhänge, Regenschirme und Co. Sie bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Kursleiterin Steffi Schade weist die Kinder darauf hin, dass sich fremde Pferde wahrscheinlich anders als die Kurspferde verhalten und wesentlich heftiger reagieren können. „Macht so etwas nicht allein, lasst euch helfen!“ rät sie. Trotzdem hält sie die Beschäftigung mit den „Schreckgespenstern“ für sinnvoll. „Reitanfänger sitzen auch erst einmal auf braven ausgeglichenen Pferden, die nicht losrennen und bocken. Das ist ja selbstverständlich und sinnvoll. Deshalb ist es auch selbstverständlich, dass man erste Bodenarbeitserfahrungen auch mit ausgeglichenen, gut erzogenen Pferden macht“, so die Trainerin.

Die Kinder haben im Laufe des Kurses die vier Säulen der Pferdeausbildung kennen gelernt. Dieses System wurde von Peter Pfister entwickelt und ist in der Praxis erprobt. Die vier Säulen heißen: Autorität, Vertrauen, System und Konsequenz. Was das genau heißt, umschreiben die Kinder so: „Autorität heißt, ein guter Chef sein. Ein guter Chef brüllt nicht rum.“ „Einem guten Chef kann man vertrauen.“ „System heißt: Ich weiß, wo ich hin will. Sonst lande ich einfach irgendwo.“ „Konsequenz heißt: Ja heißt ja und nein heißt nein – und das bleibt immer gleich. Heute so, morgen so, das geht nicht!“ Mit diesem Wissen gelingt es allen Kindern am Ende des Kurswochenendes einen ganzen Trailparcours zu meistern. Michel folgt Gesa wie selbstverständlich über die Plane. Wenn Gesa sich nicht fürchtet, wenn sie als Chefin meint, dass alles in Ordnung ist, dann hat auch Michel keinen Grund sich aufzuregen. Appalosa Pie ist anfangs etwas skeptisch, als es darum geht, sich von Sarah unter dem Planenhimmel hindurchführen zu lassen. Pie bekommt einen zweiten Chef, nämlich Klötzchen vor seine Nase gesetzt. Zusammen mit Sarah und Klötzchen ist auch Pie mutig und nach zwei Durchläufen kann Sarah ihn auch problemlos alleine hindurch führen. Steffi Schade führt alle Kinder und Pferde behutsam an die Hindernisse heran. Sie erklärt, warum sich die Pferde vielleicht erschrecken könnten und welche Sicherheitsaspekte es zu beachten gilt.

Rechte: Petra Herrmann 

Während der Abschlussrunde blickt Steffi Schade in strahlende Gesichter: „Ich freu mich richtig auf Moritz. Ich habe jetzt viel mehr Ideen, wie ich ihm sagen kann, was ich von ihm will“, freut sich Sonja „So schnell zieht der mich nicht mehr in die Futterkammer.“ Kursleiterin Steffi Schade freut sich: „Aber sagt es euren Pferden auf „pferdisch“. Sayonara!“ Die Kinder lachen: „Das heißt „Auf Wiedersehen“ auf japanisch.“ Sie haben Recht.

Aktuelle Termine und weitere Informationen: www.steffischade.de