Drunter und drüber

von Petra Herrmann

Eigentlich sollte es auf Reitkursen nicht „drüber und drunter“ gehen. Aber genau das ist an diesem Wochenende auf dem Hof Schlüter in Haltern-Lavesum ausdrücklich gewünscht. Die Reiter hängen kopfüber im oder seitlich am Sattel, sie stehen, springen auf und ab. Es handelt sich um einen Trickreitkurs.

Peter PfisterKursleiter ist Peter Pfister. Der „Mann mit der Baskenmütze“ zeigt selbst auf Shows rasante Stunts, so dass manchem Zuschauer der Atem stockt. Aber der Kurs beginnt erst einmal unspektakulär. Den Teilnehmern stockt der Atem nicht, aber ihre Atmung wird ganz schön beschleunigt. „Als erstes müssen die Pferde lernen, selbstständig ihre Runden zu drehen. Wenn ihr am Sattel hängt oder auf und ab springt, dann könnt ihr euch nicht noch um euer Pferd kümmern“, so der Fachmann. „Die Pferde müssen hier einen selbstständigen Job leisten. Und so laufen Sonja Schnietz, Katja Bauer, Daniela Kornführer sowie Lisa und Anne Herrmann Runde um Runde neben ihren Pferden her. „Trab reicht“, grinst Peter Pfister. „Aber hüpft nun mal beim Laufen neben euren Pferden. Sie dürfen sich dadurch nicht irritieren lassen oder stehen bleiben.“ Fiasco, Cosma, Ingvar, Balu und Newton haben schnell verstanden, was von ihnen verlangt wird. Sie scheinen mit ihrer Aufgabe sehr zufrieden und traben locker Runde um Runde ihre Bahn. Von locker kann bei den Menschen nach einiger Zeit nicht mehr die Rede sein. Ihre Gesichtsfarbe wechselt auf sehr gesund und einige fordern ein Sauerstoffzelt.

Nach einer kurzen Pause geht es in den Sattel. Alle Pferde haben einen Trickreitsattel auf dem Rücken. Diese Sättel werden individuell angefertigt und besitzen zahlreiche Griffe, Riemen und Schlaufen. „So ein Tricksattel wird dem Repertoire des Reiters angepasst und verändert sich folglich im Laufe der Zeit“, erzählt Peter Pfister. Er selbst bringt zu seinen Kursen mehrere Trickreitsättel mit, die die Teilnehmer benutzen dürfen. Die meisten Trickreitsättel werden mit drei Gurten gegurtet. „Sicherer Halt ist das A und O eines Trickreitsattels“, weiß er aus Erfahrung. „Es ist schon sehr gefährlich, wenn der Sattel ins Rutschen kommt, während du kopfüber daran hängst.

“ Im Sattel müssen die Reiter nun erst einmal ihre Muskeln aufwärmen und dehnen: Armkreisen, Mühlen, Beine hoch und runter. „Diese Übungen bereiten nicht nur euch vor, sondern auch eure Pferde“, motiviert Peter Pfister. „Sie müssen sich auch an die ungewohnten Bewegungen gewöhnen.“ Die Menschen kreisen, drehen und strecken sich, die Pferde nehmen das „Gehampel“ auf ihnen mit stoischer Gelassenheit hin. Zum Trickreiten eignet sich im Grunde jede Pferderasse. „Wichtig sind Nervenstärke, eine gute Bemuskelung und Balance“, so der Kursleiter. „Klar sind die Ponyreiter unter euch beim Auf- und Abspringen klar im Vorteil.“ Daniela, Lisa und Anne – die Ponyreiter - grinsen.

Dann geht es an die Übungen – im Stand erst einmal: Kosakenhang, Schulterstand, Sidestand, schon allein die Namen klingen abenteuerlich. Peter Pfister lässt die Teilnehmer immer wieder üben. Anne, die jüngste Teilnehmerin wird schon etwas ungeduldig. Doch: „Die Griffe müssen euch in Fleisch und Blut über gehen. Die müssen im Schlaf sitzen. Wenn ihr anfangen müsst, den Griff zu suchen oder nicht wisst, mit welcher Hand ihr wo hin müsst, dann wird die ganze Angelegenheit zu gefährlich“, warnt Peter Pfister. Das leuchtet auch der Zehnjährigen ein und so übt sie fleißig weiter. Ihre Mühle wird von mal zu mal schneller und sicherer. „Jetzt ist mir schwindelig“, lacht sie und der Kursleiter verordnet ihr eine kleine Pause. Aber nur eine kleine, denn jetzt dürfen sich die Pferde in Bewegung setzen. Erst einmal beginnt es im Schritt. Die Reiter hält nun nichts mehr im Sattel. Katja Bauer steht stolz im Sattel von Cosma. Cosma ist gute 1,60 m groß, Katja Bauer noch größer. Ihre Augen befinden sich sicherlich in 3,20 Meter Höhe. Nichts für Menschen mit Höhenangst. Diese Übung erfordert – auch im Schritt – einen guten Gleichgewichtssinn und Mut. Anne beherrscht ihre Mühle auch perfekt im Schritt und außerdem traut sie sich noch den Kosakenhang. „Vieles sieht so einfach aus, ist aber ganz schön schwierig“, weiß Peter Pfister aus Erfahrung. „Die Übungen erfordern Koordination, Kraft, Geschicklichkeit und Mut.“ Schon nach wenigen Runden steht allen der Schweiß auf der Stirn und die Köpfe haben eine intensive Farbe. „Pause!“ ordnet der Kursleiter an.

Gut erholt und gestärkt geht es weiter. Der Mut und das Selbstbewusstsein aller Teilnehmer sind gewachsen. Die Ideen und Übungen werden immer verrückter. Anne Herrmann stellt sich hinter Fiasco und Balu, hält sich an den Schultern ihrer Schwester Lisa und ihrer Reitlehrerin Sonja Schnietz fest und ab geht die ungarische Post. Zunächst einmal ganz manierlich im Schritt, die nächste Runde wird angetrabt und dann gibt es kein Halten mehr: Galopp! Anne strahlt und ist mindestens 5 Zentimeter gewachsen. Solche Erfahrungen sind für das Selbstbewusstsein von unschätzbarem Wert. Ihre Schwester Lisa versucht sich ebenfalls in ungarischer Post. Sie steht auf den beiden Fjordpferden Ingvar und Balu, hält vier Zügel und eine Bogenpeitsche in der Hand und trabt so Runde um Runde. „Das macht süchtig“, lacht sie. „Darüber, was passiert, wenn Ingvar und Balu auseinander driften, denke ich besser nicht nach. Vielleicht kann ich ja Spagat.“ Daniela Kornführers Leidenschaft ist das Auf- und Abspringen. Ingvar galoppiert wie ein Uhrwerk und seine Reiterin springt auf und ab, als hätte sie ihr Lebtag nichts anderes gemacht. „Geil, einfach nur geil! Das macht so einen Spaß! Du hast das Gefühl, die Welt gehört dir!“ Dieses Gefühl teilen alle Kursteilnehmer mit ihr und finden schließlich nur ein Ende, weil ihre körperlichen Kräfte zu Ende gehen. „Morgen komme ich vor Muskelkater sicher nicht aus dem Bett“, vermutet Sonja Schnietz.

So ist es: Am nächsten Tag schmerzen Muskeln, von deren Existenz die Teilnehmer nicht einmal etwas geahnt haben. Blaue Flecken werden begutachtet und verglichen. „Das sind die Trophäen der Trickreiter“, so der Kommentar von Peter Pfister. „Tragt sie mit Stolz! Trickreiten ist nichts für Warmduscher.“ Und so geht es auch am zweiten Tag rasant, verrückt und mit viel Spaß und Begeisterung weiter. „Trickreiten macht süchtig! Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich. Man fühlt sich danach einfach toll und mutig. Dieses Gefühl möchten wir auf jeden Fall in unseren Reitalltag mitnehmen“, fassen es die Teilnehmer zusammen. „Wer einmal im Sattel gestanden hat oder im Galopp auf und ab gesprungen ist, der ist irgendwie ein anderer Mensch geworden. Danach hat man weniger Angst, egal wovor. Dieses Gefühl ist viel stärker als jeder Muskelkater und jedes Hämatom!“ Und wie das bei einer Sucht ist: Süchtige verlangen stets nach mehr. Der nächste Trickreitkurs mit Peter Pfister im nächsten Jahr ist bereits gebucht.