Sterbezimmer des Celler Landgestüts
Es gibt Deckstationen, die werden zur Endstation für Hengste. In Celle ist eines dieser „Sterbezimmer“ die Station in Hepstedt, auf der im letzten Jahr noch der Beschäler Chasseur seine letzte Saison fristete, um dann in Celle eingeschläfert zu werden. Dieses Jahr hat es Lemon Park erwischt! Der Halbblüter mit dem ausgezeichneten Charakter soll tot sein, so hieß es am Wochenende bei „Hengste, Show und Sternenhimmel“ in der ehemaligen Residenzstadt. Seltsam, denn auf Anfrage bei Hauptsattelmeister Fred Müller war zu erfahren, dass der Celler Vererber nicht in der Tierklinik in Hannover eingeschläfert wurde, sondern auf Besamungslehrgang sei. Was denn nun?
Brisant an der Geschichte ist noch eine andere Tatsache: Für Lemon Park, der im Mai 1986 geboren wurde und viele Jahre hinter World Cup I und Lauries Crusador auf der Station in Landesbrück bei Fred Müller ein Schattendasein fristete, gab es zwei Jahre lang ein Kaufangebot! Karola Bady aus Oldendorf im Kreis Stade interessierte sich für den Hengst, weil sie mit seiner Nachzucht außerordentlich zufrieden war. Selbst, als sie am 13. August von Maria Hansen, Stellvertreterin von Dr. Axel Brockmann als Landstallmeister, die Absage bekam, Lemon Park sei unverkäuflich, gab sie nicht auf und bot an, den Hengst über Winter in Reha zu nehmen und ihn im Frühjahr als Weidehengst in Kommission zu halten! Das Landgestüt reagierte nicht, wie schon nach der Hengstvorführung im Frühjahr und auf die Anfrage vom September 2008.!
Tragisch, denn die Pferdepsychologin hatte bereits bei einer Veranstaltung mit Peter Lohmeyer im Landgestüt im September 2008 eine deutliche Verschlechterung der Gesundheit des Hengstes feststellen müssen. Lemon Park war nach Aussage seines Pflegers nur mit Not über den Winter gekommen und deckte deshalb 2009 in Hepstedt im Natursprung, während er die Jahre zuvor auf der Station Stader Geest nur noch als Probierhengst gehalten wurde! In Hepstedt deckte Lemon Park vier Stuten. Mit einem Beschlag, der für die Fesseln hinten kontraproduktiv ist. „Ich kann das beurteilen“, erklärt Karola Bady gegenüber Helga Berrenrath (Zeit für Pferde), „ das gehört zu meinem Job“. Während eines Hufseminars im Raum Celle hatte sie den Hengst im Juli 2009 erneut besucht: „Der stand hinten fast auf den Fesselköpfen“.
Kontraproduktiv für einen Heilungserfolg ist die Haltung der Hengste im angeblichen Vorzeigegestüt in Celle: Über Winter kommen gerade die Althengste vermutlich kaum aus der Box, werden nicht mehr gearbeitet. Selbst im Sommer stand Lemon Park zu oft in einem dunklen Verschlag, nur mit einem Fenster zur Stallgasse und geschlossener Boxenwand zur Stute in der Nachbarbox! Gestütsoberwart Rathjen war bemüht, dem Hengst wenigstens Aufenthalt im Paddock zu ermöglichen. „Dann hätte ich dieses Jahr gar keinen Hengst bekommen“, beklagte er sich, als er von einem Kaufangebot für Lemon Park hörte! Er hatte sich stark gemacht, dass dem Hengst wenigstens im Frühjahr die Zähne gemacht wurden, weil er schlecht gekaut hat und das Futter entsprechend schlecht verwertete.
Traurig ist die Argumentation im Büro des Landgestüts! So hieß es in der Absage an Karola Bady schriftlich: „Ihr Interesse an dem Hengst Lemon Park ist bemerkenswert und ehrt Sie…“. Die Züchter seien mit Lemon Parks Nachkommen zufrieden und hätten seine Qualitäten erkannt, so Maria Hansen weiter. Auf der Suche von Nachkommen zum Kauf wurde Karola Bady in den letzten Jahren aber selten fündig: „Viele Stuten kann er nicht gehabt haben! Schon gar nicht in Bargstedt“.
Verdient hätte der Hengst mehr Werbung, der mit durchschnittlichen Stuten, die ihm Lauries und World Cup I überlassen hatten, durchaus beachtliche Erfolge nachweisen kann! Sieben gekörte Hengste und 479 eingetragene Pferde mit sehr guten Rittigkeitsnoten bei Stutenprüfungen hat er auf seinem Konto! Darunter 132 eingetragene Zuchtstuten und 32 mit Staatsprämien oder -anwartschaft. Auf Fohlenauktionen war der Sohn des Vollblüters Lemon xx zwar weniger vertreten, was sicher mit Mangel an PR zu tun hatte. Auf der Eliteauktion hatte er fünf Nachkommen und bei den Zwischenauktionen immerhin 18! Wichtig war der Halbblüter mit dem Muttervater Darling/Duft II x Marconi im Norden im Stamm vieler Stuten, vor allem durch seinen Charakter, die Rittigkeit und Leistungsbereitschaft seiner Nachzucht!
Lemon Park hat seine Prüfung im Oktober 1989 als Zweiter abgeschlossen und mit 128.94 Punkten ein gutes Resultat vorzuweisen. In der Dressur absolvierte er die Prüfung mit beachtlichen 136.21. Obersattelmeister Joachim Winter zeigte sich immer begeistert von Lemon Park und sprach sich noch im Juli für den Verkauf des Hengstes an Karola Bady aus! Winter gab zu, dass die Haltung in Celle speziell für Lemon Park nicht ideal ist. Am Abend der Hengstparade bedauerte er den Verlust: „Es ging nicht mehr“. Ralf Rathjen bestätigte den Tod des Hengstes: „Der kam in die Klinik nach Hannover und von da nicht zurück“. Das Büro in Celle war bisher nicht zu einer Stellungnahme bereit und die TH Hannover darf ohne Einverständnis des Besitzers, also Landgestüt Celle, nichts dazu sagen!
Züchter Jürgen Hannken aus Loxstedt war bisher telefonisch nicht zu erreichen und konnte den Tod von Lemon Park weder bestätigen, noch dementieren. Aus Luhmühlen war zu hören, dass Lemon Park nicht der einzige unterbeschäftigte Hengst in Celle sei: „Die leisten es sich, 25 Hengste nur für die Hengstparaden durchzufüttern“, verriet ein Züchter mit guten Kontakten zum Landgestüt, „die decken keine einzige Stute“.
Gäste der Hengstparaden suchen auf dem Gelände vergeblich nach den Möglichkeiten für Haltung im Paddock oder gar Weidegang! In einem der Trakte gibt es sogar noch Dunkelboxen, die nur ein Loch in der Tür für einen Blick ins Innere haben! Dort standen am Samstag die Pferde, die zur Hengstparade unter Sternenhimmel ihre Box für Gastpferde räumten. Dr. Schertler lässt hinsichtlich dieses Vorwurfes ausrichten, dass der gesamte Hengstbestand in der Regel an sechs Tagen die Woche bewegt werde, die Althengste nach Möglichkeit täglich. Hinsichtlich der Lichtverhältnisse und bezüglich der Dunkelboxen stellt der Vertreter des Ministeriums heraus, dass es sich hier um den Offenboxenstall handele, in dem die Hengste durchgehend die Möglichkeit hätten, über zwei Stangen auf die Stallgasse zu sehen. Dr. Schertler hat die Boxen offensichtlich nie gesehen, um die es sich bei der Veranstaltung handelte, und die Stationen in Hepstedt, Emmen und Farven vermutlich auch nicht?
RaR

